DMEA 2026: Fortschritt ist real.
Die Lücken auch.
Wer die Pressemitteilungen rund um die DMEA 2026 liest, könnte meinen, das deutsche Gesundheitswesen stehe kurz davor, sich neu zu erfinden. Mehr Plattformen, mehr KI, mehr Interoperabilität und hinter jedem Stand der nächste Game Changer.
Spricht man parallel mit Krankenhausmanager, Pflegenden, oder Ärzt klingt es deutlich nüchterner. Finanzielle Belastung, Personalmangel, strukturelle Unsicherheit. Es hat sich in den vergangenen Jahren durchaus etwas bewegt nur oft langsamer, als es die Keynotes und Messestände suggerieren.
Genau dieser Kontrast war für uns die ehrlichste Erkenntnis der diesjährigen DMEA. Und er macht deutlich, worauf es jetzt ankommt.
Zwei Welten, eine Realität
Auf der Messe dominierte Aufbruchsstimmung: volle Hallen, KI, Interoperabilität, Plattformen, Startups, neue Geschäftsmodelle. Hier ging es um Lösungen, Skalierung und Zukunft. Der Ton: „Was ist möglich?"
Im Versorgungsalltag hört es sich oft anders an: Unsicherheit über die Krankenhausreform, offene Finanzierungsfragen, steigender wirtschaftlicher Druck. Existenzsorgen statt Innovationsrausch. Viele Häuser im Reaktionsmodus abwartend, vorsichtig, teilweise resigniert. Der Ton dort: „Was kommt auf uns zu?"
Beide Seiten reden über dieselbe Realität aber in komplett unterschiedlichen emotionalen Zuständen. Und genau da liegt die Gefahr: Wenn die einen im Krisenmodus sind und die anderen im Innovationsrausch, entsteht kein echter Schulterschluss.
Provokant formuliert: Die deutsche Gesundheits-IT feiert die Zukunft, während die Versorgung gleichzeitig ums Überleben kämpft. Wir digitalisieren ein System, das sich gerade selbst nicht sicher ist, ob es so weiter existiert.
Was fehlt, ist kein weiteres Panel, keine weitere Lösung, kein weiterer Pitch. Was fehlt, ist
Synchronisation: zwischen Ökonomie und Innovation, zwischen Klinikrealität und Tech-Vision, zwischen Druck und Aufbruch.
Was die Branche zeigt: Lösungen werden konkreter
Nach drei Tagen in Berlin bleibt vor allem ein Eindruck: Lösungen werden greifbarer. Patientenzentrierung ist nicht mehr nur Buzzword, sondern wird umgesetzt. KIS-Systeme der nächsten Generation sind HTML-basiert, mobil gedacht, mit zertifizierter Abrechnung und integrierter Spracherkennung. Geräte und Plattformen bringen TI-Anbindung, Videosprechstunden und KI-gestützte Arztbriefschreibung zusammen. Self-Check-in auf iOS, Online-Terminvereinbarung, sektorenübergreifende Patientenpfade: End-to-End ist nicht mehr nur Folie, sondern bereits Realität in ersten Projekten.
Auf den ersten Blick: viel Bewegung. Aber gerade weil sich so vieles parallel entwickelt, wird ein Punkt entscheidend: Strategie vor Einzellösung.
Transformationstreiber: KHVVG und Krankenhaustransformationsfonds
Ein zentraler Treiber dieser Entwicklung sind KHVVG und der Krankenhaustransformationsfonds (KHTF). Beide schaffen konkreten Druck, sich strategisch mit Versorgungsstrukturen, Leistungsaufträgen und digitaler Vernetzung auseinanderzusetzen und genau diese Spannung war auf der DMEA deutlich spürbar. Dass dabei vieles am Ende an den Häusern selbst hängen bleibt und die strukturellen Rahmenbedingungen die Umsetzung alles andere als einfach machen, gehört zur ehrlichen Lesart dazu.
Telemedizin gewinnt in diesem Zuge deutlich an Relevanz. Viele Häuser zögern aktuell noch, sich auf konkrete Plattformen festzulegen wobei schon die Definition von „Plattform“ häufig unklar bleibt.
Das ist erst einmal nicht schlecht solange die Zeit genutzt wird. Nicht, um zu warten, sondern um sich mit anderen Häusern und Leistungserbringern zusammenzusetzen und zu klären, wie sich telemedizinische Netzwerke sinnvoll aufbauen und skalieren lassen. Versorgungs- und ROI-getrieben, nicht danach, wie schön einzelne Lösungen aussehen. Die Aufgabe ist nicht, die nächste Insellösung zu starten, sondern Strukturen zu schaffen, die regional tragen und zwischen Sektoren funktionieren.
EHDS: Aus nationaler Diskussion wird europäische Verpflichtung
Genau das war auch der Kern unserer Session „EHDS – The European Path to Digital Healthcare: Data Spaces, Identities and True Interoperability". Unsere Position: EHDS macht Gesundheitsdaten zur zentralen Versorgungsressource und definiert über Regulierung und Governance neu, wie diese Daten in Europa fließen dürfen.
Was bisher als nationale Diskussion lief, wird damit zur europäischen Pflicht. Die Deadlines 2029 und 2031 wirken weit weg. Spoiler: sie sind es nicht. Wer Architektur, Semantik und Governance erst kurz vorher angeht, kommt zu spät.
Eine Botschaft aus dem Panel, die hängen geblieben ist: „True Interoperability" ist keine technische Detailfrage. Sie ist die Voraussetzung dafür, dass aus Datenaustausch Versorgung wird.
Der eigentliche Shift: vom Einzelsystem zum Versorgungsnetz
KHVVG, KHTF und EHDS wirken auf den ersten Blick wie drei getrennte Themen. Auf der DMEA wurde jedoch deutlich, dass sie alle in dieselbe Richtung führen: Leistungserbringer denken zunehmend nicht mehr in einzelnen Systemen, sondern in regionalen Strukturen, Versorgungsnetzwerken und Datenstrategien.
Wir als Founda sehen das in eigenen Projekten wie in der H3 Initiative in Hamburg, aber auch in vielen Gesprächen auf der DMEA: telemedizinische Netzwerke, sektorenübergreifende Versorgungsmodelle, der Aufbau echter regionaler Strukturen rücken in den Mittelpunkt, aber genauso durch ein neues Mindset: „Wie habt ihr das gelöst?“ statt „Wir bauen es selbst und wissen es besser.“
Das ist eine der wichtigsten Entwicklungen auf der Messe. Sie ist die Voraussetzung dafür, dass aus 16 Bundesländern und tausenden Einrichtungen am Ende ein gemeinsames VersorgungsSYSTEM wird.
Und sie führt zu der einen Frage, die auf der DMEA spannender war als jede Demo: Nicht „Welches KIS ist das beste?", sondern „Wie sieht eure Datenstrategie aus?".
Die unbequemen Fragen, die zu selten gestellt werden
Bei aller Bewegung lohnt sich der Schritt zurück. Statt „Welche neue Lösung passt zu uns?" sind dies die Fragen, die wir als Branche zu selten stellen:
- Wo scheitern Digitalisierungsprojekte im Alltag wirklich und welche Voraussetzungen fehlen, damit sie tragen?
- Wer trägt die organisatorische und personelle Last der Einführung und wie federn wir sie ab?
- Spart eine Lösung wirklich Zeit am Bett, im Sprechzimmer oder in der Apotheke oder verschiebt sie Aufwand nur an andere Stellen?
- Lösen wir die richtigen Probleme oder digitalisieren wir Prozesse, die ohnehin nicht funktionieren?
Und ehrlich gesagt: Solange wir Symptome behandeln, statt das Problem an der Wurzel zu packen, kommen Innovationen kaum in den Kliniken an auch wenn sie helfen könnten, gerade die finanziellen Probleme zu adressieren. Die Synchronisation wäre möglich. Sie braucht aber pragmatische politische Maßnahmen und den Willen, sie umzusetzen.
Digitalisierung wird den Personalmangel kurzfristig nicht beheben. Aber sie kann genau dort entlasten, wo Versorgung heute durch fehlende Informationen ausgebremst wird. Die Voraussetzung dafür ist ehrliche Priorisierung und der Mut, gemeinsam zu entscheiden, welche Prozesse und Anforderungen langfristig nicht mehr tragfähig sind.
Wo Founda steht
Wenn KHVVG, KHTF und EHDS auf das gleiche hinauslaufen, lautet die ehrliche Antwort darauf nicht „die nächste Plattform". Sondern: Datenverfügbarkeit muss zur verlässlichen Infrastruktur werden.
Genau daran arbeiten wir bei Founda über offene Standards (IHE, HL7, FHIR, DICOM), herstellerunabhängig und EHDS-ready. Nicht aus technischem Selbstzweck, sondern weil Fortschritt im Gesundheitswesen aus unserer Sicht nicht durch ein einzelnes neues System entsteht, sondern durch die verlässliche Vernetzung bestehender und neuer Systeme.
Drei Punkte, die wir aus Berlin mitnehmen – und Krankenhäusern, Netzwerken und Partnern für die nächsten 18 Monate empfehlen:
- Datenstrategie vor Systemwahl. Die Frage ist, wie sich Ihre Daten zwischen Ihren Systemen, Partnern und perspektivisch europäischen Knoten bewegen.
- EHDS-Vorbereitung jetzt beginnen. Die Deadlines 2029 und 2031 wirken weit weg. Sie sind es nicht. Wer 2027 ohne FHIR-Roadmap, Terminologie-Strategie und klare Governance dasteht, hat das Zeitfenster verpasst.
- Interoperabilität als Utility, nicht als Projekt. Einmal anschließen, in einem Netzwerk arbeiten statt jede neue Verbindung als Einzelfall zu bauen.
Die Richtung stimmt. Die Lösungen werden besser, konkreter, teilweise wirklich innovativ. Aber die eigentliche Herausforderung bleibt die Umsetzung technisch, organisatorisch und politisch. Und sie verlangt vor allem eins: dass Versorgungsrealität und Innovationsanspruch wieder zusammenfinden.
Die Frage ist: Wie lange kann sich ein System es leisten, in zwei Parallelwelten zu denken?
Wir glauben: Es muss sich das nicht länger leisten. Wenn wir aufhören, über die nächste Plattform zu reden, und anfangen, die unspektakuläre, harte Arbeit der Datenverfügbarkeit ernsthaft zu machen.
Author
Cindy Gieselmann
With more than 12 years of experience in digital health interoperability, Cindy works with healthcare providers, technology vendors, and national initiatives to strengthen interoperable healthcare ecosystems. With extensive experience in the German market, she focuses on enabling secure and scalable clinical data exchange that improves collaboration across organizations and supports better patient care.